Die kleine Schneeflocke

Als die Zeit eines wintermüden Morgens im Wald spazieren ging, hörte sie mit einem Male von irgendwo her ein Weinen. Sie blieb stehen und lauschte. Dann versuchte sie, herauszufinden, aus welcher Richtung das Weinen kam und näher heranzugehen. Und mit jedem Schritt hörte sie deutlicher das Weinen und ein kleines Stimmchen, welches voller Verzweiflung rief: 'Geh nicht, lieber Winter! Bitte, geh doch nicht! Was soll denn aus mir werden ohne dich? Bitte, geh nicht!'
Und zwischen diesen Rufen war immer wieder ein bitterliches Schluchzen zu vernehmen. Als die Zeit so immer näher herankam, sah sie schließlich auch, wer da weinte: Es war die kleine Schneeflocke. Und nun verstand die Zeit natürlich auch, warum diese so verzweifelt war über den Abschied des Winters. Denn was liebt eine Schneeflocke mehr als den Winter?
Die kleine Schneeflocke saß da, den Kopf in den Händen vergraben und weinte herzzerreißend. Doch während sie weinte, geschah etwas: Schneeflocke um Schneeflocke verwandelte sich in Wasser. Und je mehr sie weinte, um so mehr taute der Schnee um sie herum, wurde der erstarrte Boden weicher. Schon steckten die ersten Krokusse die vorwitzigen Köpfchen durch die Erde. Aber die kleine Schneeflocke bekam von alledem nichts mit.
Leise trat die Zeit heran, beugte sich zu der kleinen Schneeflocke herab und strich ihr sanft über das vereiste Haar. Da hob die kleine Schneeflocke den Kopf und sah auf. Und nun bemerkte auch sie die Veränderungen, die um sie herum geschehen waren. Und sie verstand, dass mit dem Winter nicht alles zu Ende war, sondern dass es Sommer werden würde, auch für sie. Da zog ein Leuchten über ihr Gesicht und gleich wurde die Erde um sie herum noch ein wenig wärmer und die letzten Eiskristalle schmolzen. Das Leuchten erreichte auch den zugefrorenen Bach, der ganz in der Nähe verlief, und nach und nach kamen auch seine Wasser wieder in Bewegung. Und auch der kleinen Schneeflocke wurde immer wärmer ums Herz, bis sie schließlich mit einem lauten Jubelschrei ihr Winterkleid von sich warf und hoch zur Sonne schwebte. Hinter dem Hügel plätscherte der kleine Bach jetzt fröhlich vor sich hin, und in jedem Wassertropfen, den er mit sich trug, erklang der Jubel der kleinen Schneeflocke, wie sie in allen diesen Wassertropfen dem Sommer entgegenfloss.
Die Zeit lächelte vor sich hin. Und dachte: 'Sie weiß noch nicht, dass eines Tages wieder ein großer Schmerz über sie kommen wird - wenn der Sommer geht. Sie wird sehen, wie die Sense die Halme auf dem Feld niedermäht, wie die kleinen Blumen verwelken und wie der Baum schließlich auch sein letztes Blatt verliert. Und sie wird so traurig sein, dass sie nicht einmal die Kraft zum Weinen haben wird und vor Kummer erstarren. Bis sich unmerklich auch dieser Schmerz wieder verwandeln wird in Freude und sie als kleine Schneeflocke erneut die Welt verzaubern kann, wenn sie mit dem Winter ihren Tanz aufführt.





© 2002-2008 by Kersten Moser